Religionsgemeinschaft des Islam
Landesverband Baden-Württemberg e.V.

 

Unsere Themen: Islam - Interreligiöser Dialog - Projekte - Informationen über Muslime in Deutschland/Baden-Württemberg

 
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Islamische Ethik
Werte, Tugenden, die Motivationskräfte des Menschen und das Ich-Bewusstsein (Ego)
Das Optimum in Allem, der maßvolle mittlere Weg ist der gerade, der rechte Weg ‚Sirat-i Mustakim’.

Inhalt:

 

Islamische Ethik

„Ich bin gesandt, um das schöne Verhalten (die Ethik, Moral, Tugend) zu vervollkommnen.“ Muhammed a.s.s.

Das äußere Merkmal eines Menschen und Ausdruck seines Glaubens ist sein ethisches Verhalten. Sich darin, in Aufrichtigkeit, in Liebe zu den Mitmenschen, in Toleranz und Gerechtigkeit zu vervollkommnen, sind wir im Koran und der Sunnah angehalten. Wir sollen:

- niemandem Schaden zufügen, niemanden verletzen, weder mit Worten noch mit Taten
- niemals lügen, niemals andere verleumden, übel nachreden
- die Wut und den Zorn, den Egoismus und die Begierden unter Kontrolle halten
- fürsorglich sein, die Bedürftigen und Armen unterstützen
- stets verzeihen und friedfertig sein. .......

Das Mitgefühl im Islam umfasst nicht nur Menschen sondern die ganze Schöpfung und alle Lebewesen. Wer auf die Bedürfnisse der Tiere achtet und sie nicht leiden lässt, wird Gott belohnen.

Bei Ethik geht es um Werte, Tugenden und Motive, bei deren Betrachtung auch ein Blick auf die in der menschlichen Natur innewohnenden Motivationskräfte und sein Ich-Bewusstsein (Ego) gehört.
Bevor wir hierauf näher eingehen, wollen wir kurz aus historischer Sicht die Frage nach der Definition von „Ethik“ anreißen.

 

1. Allgemeines zu Ethik

Die Geschichte der abendländischen philosophischen Ethik beginnt bei Sokrates und Platon.

Aristoteles, der bedeutendste Schüler des griechischen Philosophen Platon, etablierte die Ethik als eigenständige philosophische Disziplin neben Logik, Physik und Metaphysik und prägte auch den Begriff.

Ethik (auch Moralphilosophie; griechisch ethos: Gewohnheit, Herkommen, Sitte, Brauch) beschäftigt sich  sich mit dem Handeln des Menschen, insbesondere im Hinblick auf dessen wertorientierte Zielsetzung und Rechtfertigung. Von ethos stammt der Ausdruck Ethik, womit eben die von Aristoteles geschaffene philosophische Disziplin gemeint ist.

Moral (von lateinisch mores: Sitten, Gewohnheiten, Charakter), das Äquivalent von „Ethik”, bezieht sich dagegen auf die tatsächliche Anerkennung und Verwirklichung von sittlichen Werten und Normen im praktischen Leben der Menschen.[1]

Die Ethik als Teilgebiet und Disziplin der griechischen Philosophie gelangte über die Übersetzungsleistungen und Arbeiten der arabisch-muslimischen Philosophen und Wissenschaftler, die das Wissen der Antike zu uns hinübergerettet haben, nach Europa.

Die griechische Philosophie spielte im Islam wie im christlichen Kulturkreis eine bedeutende Rolle.

Daneben fand ein gegenseitiges Beeinflussten, Befruchteten und Impulsgeben der verschiedenen religiösen Kulturen, philosophischen Denkrichtungen und Strömungen in der Menschheitsgeschichte zu jeder Zeit mehr oder weniger statt.

Es sei beispielsweise nur an das maurische Andalusien erinnert.

Einige der größten mittelalterlichen Philosophen schrieben in arabischer Sprache. Ihre Werke wurden in der westlichen Welt gelesen und hatten großen Einfluss auf die Entwicklung der Scholastik. Die herausragendsten dieser arabischen Philosophen waren Averroes (arabisch Ibn Ruschd), Avicenna (arabisch Ibn Sina) und al-Ghazali.

Es gab die Auseinandersetzung mit der chinesischen Philosophie wie mit dessen bedeutendsten Philosophen Konfuzius und den fernöstlichen Denkweisen aus dem Buddhismus und Hinduismus. Letzteres ist z.B. bei Schoppenhauer der Fall.

Die koranische ‚Basmallah’ auf der Doktorarbeit Immanuel Kants kann wohl auch ein Beleg sein für das Gedankengut, mit dem er sich auseinandergesetzt hat.

Hiermit sei lediglich angedeutet, dass dieser Tatsache der gegenseitigen Bereicherung und Beeinflussung eine abgrenzende, isolierte Betrachtung nicht gerecht würde.

 

Islamische Ethik

2. Das Optimum in Allem, der maßvolle mittlere Weg ist der gerade, der rechte Weg ‚Sirat-i Mustakim’

 

Wie der eingangs erwähnte Hadis „Ich bin gesandt, um das schöne Verhalten (die Ethik. Moral, Tugend) zu vervollkommnen.“ demonstriert, ist das Ziel die Optimierung und nicht das Vorhandene durch etwas gänzlich Neues zu ersetzen, sondern Vorangegangenes und gutes Bestehendes zu bestätigen, an Vergessenes wieder zu erinnern und es zu ergänzen, an die geänderten Bedingungen und Bedürfnisse anzupassen und zu vervollkommnen. Das ist eine Aufgabe, die eine dynamische Auseinandersetzung in jeder Zeit, in jeder gesellschaftlichen Situation voraussetzt

Da Religion das Individuum anspricht und Ethik neben Glaube und Gebet Bereich und Hauptsache der Religion ist, ist Ethik auch in erster Linie die Sache des Individuums.

Die Ethik des Individuums zu formen, ihr wieder mehr Gewicht zu verleihen und auf die Ethik für die Erziehung des Einzelnen das Augenmerk zu richten - darauf kommt es in unserer Zeit an.

Denn genau hierauf liegt die Betonung des Korans. Er enthält mehr Aussagen zu Glauben und ethischem Verhalten als zu anderen Dingen.

Es lassen sich fünf Grundideale des schönen Verhaltens und der Ethik herausstellen. Diese auf Koran und Hadis basierenden Grundideale als positive Prinzipien in Gegenüberstellung zu ihren negativen destruktiven Gegensätzen, nach denen Menschen handeln und sich richten, stellen sich wie folgt dar:

 

2.1. Fünf Grundideale für einen steten Fortschritt der Zivilisation:[2]

 
1. Recht und Gerechtigkeit
2. Streben nach Tugend
3. das Prinzip der gegenseitigen Ergänzung und Hilfe
4. die religiöse, heimatliche, soziale Verbundenheit
5. Vervollkommnung in der Verantwortung

Diese Ideale werden im Vergleich mit ihrem gegenläufigen Prinzip deutlicher:

1. Das erste Prinzip ist das sich auf Macht stützen. Vom Individuum bis zum Kollektiv, zum Staatsgebilde stützt man sich auf Macht und man ist bestrebt mehr Macht zu erlangen. Das Recht des Stärkeren gilt. D.h. Macht verleitet, eigennützige Ziele durchzusetzen. Dieses Prinzip bringt Missbrauch hervor.

Hiergegen stützt sich Zivilisation auf Recht. Das lässt Gerechtigkeit und Gleichheit entstehen.

2. Das zweite Prinzip ist beständig den eigenen Vorteil zum Ziel haben. Dies ruft Last und Bürde bei anderen hervor. Egoistisches Vorteilsdenken und das ständige Bedacht-Sein auf den eigenen Vorteil erschwert das Leben des Nächsten.

Nach Gottes Rat ist das Ziel statt der Vorteilssuche, die Tugend, das Streben nach Aufrichtigkeit, Güte, Gerechtigkeit. Das lässt Liebe und Mitmenschlichkeit entstehen.

3. Das nächste Prinzip ist, das Leben als Kampf zu betrachten. Das ruft Konkurrenzdenken, Rivalität und Feindseligkeiten hervor.

Nach Gottes Ratschluss (im Islam) soll demgegenüber das Prinzip im Leben die gegenseitige Ergänzung und Hilfe sein. Dieses lässt Solidarität und Zusammenhalt entstehen.

4. Zum vierten Prinzip: Das Verbindende unter den Menschen ist der andere diskriminierende  Nationalismus und Rassismus. Das ruft fürchterliche und schreckliche Auseinandersetzungen hervor.

Das Verbindende ist (im Islam) statt Nation und Rasse die religiösen, heimatlichen und sozialen Bande. Das lässt Geschwisterlichkeit und Frieden entstehen und birgt keine Aggression nach außen.

5. Als fünftes Prinzip gilt es die Wünsche und Gelüste zu befriedigen und die Erreichung desselben. Das ruft die Reduzierung des Menschen vom Stand der Engel auf den Stand eines Tieres hervor.

Im Islam gilt statt der Jagd nach der Befriedigung der Begehrlichkeiten und Instinkte – Hüda, d.h. Leben nach dem rechten Weg. Das lässt Humanität und geistige Vervollkommnung entstehen. Willkür, Gelüste und Wünsche werden eingeschränkt. Anstatt Befriedigung der egoistischen Begierden – Befriedigung der erhabenen seelischen Sinnlichkeit.

Bloße materialistische Denkweise beschränkt und entmenschlicht. Der Mensch erwächst aus sich heraus zur Vervollkommnung nur durch den Glauben an einen Schöpfer.

 

2.2.Die Motivationskräfte des Menschen

Wenn es um die Ethik geht sind die Antriebskräfte des Menschen nicht weit entfernt. Im Gegenteil: um die Ethik besser ergründen zu können, ist es wichtig, den Menschen mit all seinen Facetten zu erfassen. Und da spielen der im Menschen veranlagte Antrieb und die gebende Disposition des Menschen eine große Rolle.

Der Mensch ist einer ständigen Entwicklung, Veränderung und einem ständigen Niedergang ausgesetzt. Für seine Existenz und seinen Selbsterhalt zum Schutz vor Niedergang, damit des Menschen Seele und Geist in einem solchen Körper leben kann, sind dem Menschen drei Kräfte gegeben.[3]

Diese drei Antriebskräfte kann man wie folgt klassifizieren:

1. Instinkt (Naturtrieb) für den Eigennutz
2.   Intelligenz, um den Nutzen vom Übel, das Gute vom Bösen zu unterscheiden.
3.   Aggression (die Motivation aus Zorn/Wut), um das Üble abzuwehren.

Diesen Kräften sind durch die Religionen zwar Grenzen gesetzt, dies ist jedoch in der Veranlagung des Menschen, in seiner Natur nicht der Fall. Deshalb sind diese Kräfte jeweils in den drei Kategorien minimal (tefrit - die Untertreibung), optimal (vasat - der Mittelweg, das Maß) und maximal (ifrat - die Übertreibung) zu betrachten.

 

2.2.1. Der Instinkt

 

Diese Disposition dient dazu die Grundbedürfnisse für den Lebenserhalt zu befriedigen. Beispiele auf dieser Motivationsebene sind körperliche Bedürfnisse der Nahrungsaufnahme, essen, trinken, schlafen, reden, sexuelle Befriedigung, usw.

Wenn bei der Ausübung dieser Antriebskraft untertrieben, nur eine minimale Handlungsbereitschaft aufgebracht wird, ist damit Lustlosigkeit, der Wille zu nichts verbunden (humud).

Durch die Übertreibung entsteht die schrankenlose Lust zur Befriedigung (füdschur). Der Mensch kennt hierbei keinerlei Grenzen.

Der Mittelweg wäre die Tugend (iffet). Hier steht die Lust auf die Ausübung im ethisch-religiösen Rahmen und die Lustlosigkeit für das, was außerhalb dessen ist.

Das Mittelmaß in der Befriedigung der Grundbedürfnisse, hauptsächlich in der Nahrungsaufnahme und Sexualität, spielt eine wichtige Rolle.  Körperliche und seelische  Schäden wären beim Überschreiten der Unter- oder Obergrenze, für sich selbst und andere die Folge.

Hierzu können wir folgende Feststellung finden: „Würde der Mensch den Mittelweg und somit die Tugendhaftigkeit verlassen, so würde er durch die Maßlosigkeit Unheil anrichten und zu einem bloßen Objekt seiner Begierden degradiert. Die Untertreibung in Form von Apathie und Phlegma würde dazu führen, dass er den zahlreichen Gaben Gottes beraubt wird.“[4] Das heißt, der Mensch wäre „eine lebende Leiche“, würde er diese instinktive Motivation für den Eigennutz nicht besitzen.[5] Durch die Übertreibung in Form von Maßlosigkeit derselben wird der Mensch zum Abhängigen, zum Sklaven seines eigenen Egos und wird der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit seinen Mitmenschen gegenüber verlustig. Er überschreitet somit seine Grenzen und greift in die Rechte anderer ein.

 

2.2.2. Die Intelligenz  

Diese Disposition und Befähigung verhilft und dient dazu, den Nutzen und das Üble voneinander zu unterscheiden, das Gute anzunehmen und sich vom Bösen zu distanzieren und es abzulehnen.

Minimaler Einsatz und das ungenutzt Lassen des Verstandes würde zu totaler Verdummung (gabavet) führen, so dass der Mensch nicht einmal im Stande wäre das Einfachste zu verstehen. Durch das Nichtnutzen des Verstandes lebt der Mensch in einer Primitivität.

Bei der Stufe der maximalen negativen Anwendung des Intellekts resümiert ein solch scharfer, trügerischer Verstand der Gerissenheit, der Menschen manipulativ beeinflusst, um sie zu übervorteilen, irrezuleiten, so dass sie das Falsche als richtig, das Richtige als falsch ansehen. Das heißt „die Übertreibung“ bzw. Negativanwendung der Intelligenz ist die Nutzung des Verstandes in gerissener, trügerischer Weise (cerbeze).

Der Mittelweg wäre die maximale positive, die optimale Nutzung. Sie impliziert Weisheit und Besonnenheit (hikmet). Der Mensch erkennt das Rechte mit seinem Verstand, nimmt es an und richtet sich danach und so erkennt er auch das Unrechte als unrecht und distanziert sich davon. Diese Handlungsweise wird als die „größte Rechtleitung“ (hidayet) bezeichnet.[6]

Schlussfolgernd lässt sich hieraus sagen, dass der Mensch die Beziehung zum Glauben verliert und sein Glück und Wohlergehen im ewigen Leben aufs Spiel setzt, würde er seine Intelligenz nicht bestmöglich einsetzen.

Die Arbeitsweise des Verstandes und die Stationen, die eine Idee durchläuft, bis sie zu einer Meinung und Überzeugung wird, kann auf folgende Weise dargestellt werden:

  1.   Phantasie (tahayyül)
  2.   vorstellen (tasavvur)
  3.   erwägen (taakkul)
  4.   Meinung bilden (tasdik)
  5.   Verfestigung der Meinung (iz’an)
  6.   argumentative Überlegenheit der Idee, Überzeugung usw. (iltizam)
  7.   Überzeugung ohne jeglichen Zweifel (itikat)

[7]       

Diese Punkte sollen dazu verhelfen zu verstehen, auf welche Art und Weise der Mensch Entscheidungen trifft und welche Stationen der Verstand bis dahin durchläuft. Sich über den Werdegang einer Meinungsbildung bewusst werden, kann durch strukturiertes Denken zu ausgewogeneren und fundierteren Entscheidungen führen.

 

 

2.2.3. Die Aggression

Das aggressive Potential des Menschen, die Kraft aus Zorn und Wut, soll dazu dienen, das Üble abzuwehren.

Bei einer minimal oder nicht vorhandenen Aggression geht es soweit, dass der Mensch vor allem und jedem Angst hat (cebanet) und dem Menschen jeglicher Mut und jede Zivilcourage fehlt.

Ist sie im Übermaß vorhanden, so hat man keine Angst vor nichts und niemandem (tehevvür) – sei es auf materieller oder immaterieller, geistig-moralischer Ebene. Jegliche Gewalt und Kriminalität bringt diese Stufe hervor.

Der Mittelweg ist jedweder Einsatz für die Einhaltung der Gerechtigkeit in allen Bereichen (şecaat), und dass der Mensch sich von illegitimen Dingen fernhält.[8]

Zum Abweichen von diesem Mittelmaß ist zu sagen, dass wenn die Aggression, die Kraft des Zorns, sich nicht auf das Rechte richtet und an ein Maß hält, daraus Brutalität und Ungerechtigkeit erwächst. In der Übersteigerung handelt der Mensch unter völligem angst- und skrupellosen in Kauf Nehmen der Folgen seiner Handlungen. Dies führt zur Verletzung des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Untertreibt der Mensch, so verfällt er in einen maßlosen Angstzustand. Er stirbt bereits vor seinem Tod viele Male und leidet ständig unter dessen Folgen.[9]

Der Mensch ist durch die Religion dazu angehalten, stets das optimale Maß dieser drei Antriebskräfte aus Instinkt, Intelligenz und Aggression zum Einsatz zu bringen. Das Optimum von allen dreien zusammen ist der rechte Weg.[10] Denn allein durch Bewegung im Rahmen dessen entsteht Gerechtigkeit in allen und über alle gesellschaftlichen Schichten hinweg.

Über den rechten Weg lässt sich sagen, dass der einfachste, nützlichste, kürzeste und sicherste Weg in der Ethik eines jeden Menschen der rechte Weg ist, da in allen individuellen und gesellschaftlichen Wegen des Menschen der rechte Weg der dem Menschen am nützlichsten, einfachsten und kürzesten ist.[11]


 

2.3. Das Ich-Bewusstsein (Ego)

2.3.1. Die Funktion des Egos

Bevor der Mensch eine Entscheidung trifft oder eine Handlung vollzieht, als Folge der Motivationen, bildet sich ein Wille im Bewusstsein. Die Gründe für die Entscheidung und das Handeln können sowohl der eigene Nutzen, als auch das Erlangen des Wohlgefallen Gottes oder des optimalen Ziels sein. Hierbei spielt das Ego und die darin verborgene Persönlichkeit des Menschen eine große Rolle. Dem allem liegt die dem Menschen gegebene Freiheit zugrunde. Ethik kann folglich auch beschrieben werden als eine Wissenschaft über die bestmögliche Nutzung dieser dem Menschen gegebene Freiheit.[12] Somit besteht ein Zusammenhang zwischen der Ethik, dem Ego und der Persönlichkeit des Menschen.

In Koran Sure 33, 72 finden wir einen Hinweis über das dem Menschen gegebene „Vertrauenspfand“, dem Ich-Bewusstsein und der Freiheit und die damit verbundene Verantwortung, was den Menschen von der übrigen Schöpfung abhebt, die es „ablehnte“, dieses Vertrauenspfand zu tragen.

Das Ich-Bewusstsein und die Freiheit, die Fähigkeit der Selbstreflexion, wurde dem Menschen von Gott gegeben, damit er die Eigenschaften Gottes zu erkennen vermag. Sie sollen ihm als Vergleich dienen und ihn von der Selbsterkenntnis zur Gotteserkenntnis führen. Da in dem Ich-Bewusstsein auch die Selbstsucht im negativen Sinne steckt, wird der Mensch ausbeuterisch und unterdrückerisch und kann auf der anderen Seite zu einem Tyrann werden.[13]

Gott hat dem Menschen das Ego anvertraut. Es soll ihm die Eigenschaften Gottes zeigen, da es selbst Zeichen und Beispiele dessen beinhaltet. So soll das Ego dem Menschen im Vergleich die Eigenschaften Gottes und den Willen Gottes bekannt machen.[14]

Dieses Ich-Bewusstsein wird in der Wahrnehmung des Ichs das Hauptidentitätsmerkmal im Dasein der Menschen. Die Koranische Betrachtung zum Ich-Bewusstsein, dem „nefs, ene“ ist, dass es positiv belegt ist als ein Fenster zur göttlichen Ebene. Wenn René Descartes aus dem Bewusstsein über das Bewusstsein des Menschen sagt: „Ich denke - also bin ich“, kann man nach Islam sagen: „Ich denke - also glaube ich.“[15]

Der Funktionsweise des Egos kann man schlussfolgernd zwei Pole zugrunde legen:

  1. Das Ego ausgerichtet auf die Ewigkeit und das Beständige. Auf das Bestreben zum Guten sind keine Grenzen gesetzt.
  2. Das Ego ausgerichtet auf eine Endlichkeit, auf Endliches, was zunichte wird (adem).  Aus ihm resultiert Vergänglichkeit des Tuns und des erreichten Ziels. Das Ego ist bestrebt im zweckgerichteten Handeln auf den direkten, schnellen, kurzfristigen Nutzen, die sofortige Befriedigung.

Beim Ersteren zeigt das Ego dem Menschen seine wahre herausragende, bevorzugte Stellung in der Schöpfung als Verantwortungsträger und seinen Bezug zum Schöpfer und dessen grenzenlose Eigenschaften. Also wird er versuchen in seinem Handeln und Streben dem gerecht zu werden.[16]

Wenn der Mensch sich seinen Egoismus als Angelpunkt nimmt, einzig das hiesige Leben als größtes Ziel ansieht, ausschließlich für seinen Lebensunterhalt und anderweitigen Genuss arbeitet, geht er in dieser Enge unter. Sieht er sich jedoch als Gast und verwendet die Zeit seines Lebens im Wissen um den Schöpfer, so ist diese Sphäre weit und sein Ziel – nämlich die Arbeit um das ewige Leben – so erfüllt, dass er sich erhebt und emporsteigt auf die höchste Ebene des Menschseins.[17]

 

2.3.2. Vom Ich zum Wir

Wenn das Ego keine wie oben beschriebene Ausrichtung bekommt, entsteht aus dem Träger dieses Egos eine egoistische, verantwortungslose Persönlichkeit, für die nur der eigene Nutzen und Profit zählen. Es ist für jeden nachvollziehbar, welche negativen Auswirkungen solch eine rein egoistische Nutzziehung des Menschen auf die Gesellschaft haben kann.

Nicht nur der persönliche, sondern auch der gesellschaftliche Nutzen sollte gewährleistet werden. Diese beiden sollten sich nicht gegenseitig ausschließen und in Abrede stellen, sondern im Einklang miteinander stehen. Die Verantwortlichkeit fällt hier vor allem auf das Individuum. Nur wenn jeder Einzelne sich über die Wichtigkeit dieser Thematik im Klaren ist, kann das für die Gesellschaft von Vorteil sein.[18]

 

geändert 01.05.2005

RG des Islam LV BaWü


Literaturverweis:

Yesilhark,Tubanur; Master-Thesis, Unternehmensethik am Beispiel Mitarbeiter – Führungskraft, S.29-41,Stuttgart-Reutlingen, Mai 2004

[1] vergl. allgem Lexika

[2] Demir A., Schmitt C.; Islam und Aufklärung, S. 160, Nesil 2004 (Sünuhat, Risale-i Nur Külliyati 1, Seite 2049, (1996);

[3] Nursi, S.,Isarat’ül.I’caz, S.23

[4] vgl. Nursi, S., Sualar, S.561

[5] vgl. Nursi, S., Münazarat, S.49

[6] vgl. Nursi, S., Isarat’ül.I’caz, S.22-23

[7] Nursi, S., Sözler, S.749

[8] Nursi, S., Isarat’ül.I’caz, S.23

[9] Nursi, S., Sualar, S.561, Isarat’ül.I’caz, S.171

[10] Dieser Zustand ist ‚sirat-i mustakim’, d.h. der rechte und kürzeste Weg (vielfach erwähnt im Koran z.B. Sure 1, 6).

[11] Nursi, S., Isarat’ül.I’caz, S.22

[12] vergl. Akseki, A.H., Islam dini, S.8

[13] Nursi, S., Mesnevi-i Nuriye, S.61

[14] Nursi, S., Sözler, S. 568; Koran Sure 33, 72

[15] Schmitt, C., Neuer Horizont, Nr. 1 (1991)

[16] vgl. Nursi, S., Sözler, S.569

[17] Nursi, S., Sözler, S.338

[18] Nursi, S., Hutbe-i Samiye, S.51

 
 
»Wer sich selbst und andere kennt
Wird auch hier erkennen:
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Sind nicht mehr zu trennen.«
 
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